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Wenn sie mehr verdient

«Wer mehr verdient, zahlt auch mehr»

Lillian Kellenberger (46) und Adrian Gsell (39) führen eine Putzfrauenagentur in Kindhausen ZH. Sie verdient 20 Prozent mehr als er, da er einen Tag in der Woche ehrenamtlich arbeitet. Der Chef zahlt seiner Lebenspartnerin also gewissermassen ein höheres Gehalt als sich selbst.

 

SIE
Eine frühere Beziehung ist wegen des Geldes in die Brüche gegangen. Anfangs hatten wir gleich viel verdient, dann verlor mein Ex die Stelle, und ich wurde befördert. Sein Selbstwert war angeknackst, und er ertrug meine Unterstützung nicht. Am Anfang habe ich auch Adrian beim Aufbau seiner Putzfrauenagentur unterstützt. Ich habe damals bei der Bank Karriere gemacht und sehr gut verdient. Wer mehr verdient, zahlt auch mehr an den Lebensunterhalt, das war unsere Abmachung.

Etwa ein halbes Jahr habe ich die Miete allein bezahlt, bevor das Geschäft ins Laufen kam. In dieser Zeit, als er von mir finanziell abhängig war, lebte er sehr sparsam. Deshalb haben wir ausnahmsweise günstigere Ferien in der Schweiz gemacht. Wenn Kollegen auswärts essen gingen, wollte er erst später dazustossen und zu Hause essen. Da war ich aber dagegen und habe gesagt: Ich hätte auch Lust, wieder mal ins Restaurant zu gehen. Zumal wir es uns ja leisten konnten! Und ich habe mich durchgesetzt. Mag sein, dass es mit männlichem Stolz zu tun hat, dass er sich von mir nicht einladen lassen wollte. Vielleicht ist es aber auch eine Charakterfrage. Ich hätte genauso grosse Mühe, von seinem Geld zu leben.

Wir haben eine gemeinsame Haushalstkasse, in die wir monatlich beide denselben Betrag einzahlen. Damals, als ich deutlich mehr verdient habe, war es prozentual.

Als ich Mitte 2006 bei der Putzfrauenagentur einstieg, habe ich in Kauf genommen, dass ich weniger verdiene als zuvor bei der Bank. Der Firma geht es gut, und heute ist es mit den Abzügen, welche man als Unternehmer machen kann, fast gleich viel. Ich fahre ein günstigeres Geschäftsauto als Adrian, er ist ein Autofan. Wie wichtig es ihm ist, nicht auf mich angewiesen zu sein, habe ich daran gemerkt, dass er bei der Firmengründung seinen Porsche gegen einen Smart eingetauscht hat. Er hätte mich niemals um Geld gebeten.

Das Geld, das ich jetzt mehr verdiene, gebe ich für nichts Besonderes aus. Kosmetik, Coiffeur, Kleider. Wir streiten und diskutieren nie über Geld.

Als ich bei der Bank arbeitete, hatte ich Einblick in sein Konto. Ich hätte ihn aber nie auf Zahlungstermine angesprochen. Höchstens Ende Jahr daran erinnert, die 3. Säule einzuzahlen.

Ich bewundere, wie beharrlich Adrian diesen einen Tag in der Woche in ehrenamtliche Arbeit investiert, obwohl er nichts verdient.

 

ER
Mein karitatives Engagement einmal wöchentlich, das tue ich aus Dankbarkeit, weil die Putzfrauenagentur so gut läuft. Ich habe das Leasingportal.ch eröffnet, wo verschuldete junge Leute anonym und kostenlos ihre Leasingverträge zur Übernahme ausschreiben können. Natürlich mach ichs auch aus Freude an Autos. Dass in der Regel vor allem Frauen unentgeltlich arbeiten - darüber habe ich noch nie nachgedacht.

Als ich mit der Putzfrauenfirma startete, sagte Lilian: Zieh das durch, ich zahle, geh deinen Weg. Sie hat mir Rückendeckung gegeben. Wir sind seit elf Jahren zusammen. Wir sind füreinander da.

In den drei, vier Monaten, in denen sie für uns beide aufgekommen ist, fühlte ich mich ehrlich gesagt leicht unter Druck und wollte bald wieder meinen finanziellen Verpflichtungen nachkommen. Ich habe in dieser Zeit mehr im Haushalt gemacht, geputzt, gewaschen, gebügelt. Ich hatte mein Büro zu Hause, Lilian arbeitete Vollzeit bei der Bank.

Von Anfang an haben wir abgemacht, dass sie das Geld zurückerhält. Als Lilian in die Firma einstieg, habe ich ihr einen Teil des Stammkapitals geschenkt und sie so an der GmbH beteiligt. Das ist ein bedeutend höherer Betrag als die drei, vier Mieten, die sie damals übernommen hat. Sie hat mich während des Aufbaus zeitlich und moralisch stark unterstützt. Deshalb soll sie auch am Erfolg teilhaben.

Wenn wir auswärts essen gehen, brauchen wir die Kreditkarte aus der gemeinsamen Haushaltskasse. Manchmal zahle aber auch ich, manchmal sie. Wofür sie ihren Mehrverdienst ausgibt, weiss ich nicht. Sie soll sich kaufen, was sie will, es ist ihr eigenes Geld, das geht mich nichts an. Einkaufen für den Haushalt, das mache nach wie vor ich.

Bei den Ferien knausern wir nicht. Wenn wir schon so viel arbeiten, darf es auch de luxe sein. Tauchen auf den Malediven und so. Daran beteiligen wir uns halbe-halbe.

Lilian und ich haben noch nie in eine Norm gepasst. Nicht vom Alter her, nicht vom Verdienst. Egal, wer mehr verdient: In einer Partnerschaft sind beide gleichberechtigt. Das ist meine Haltung.

 

Erschienen in der Annabelle 11/08

Bericht: Birgit Schmid

 

pdf annabelle 04.06.2008 700.82 Kb

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